Moblog: Gegenüberwachung

Gendergaza

10 02 2008 - 12:18, teilnehmer1
Männlichkeit
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Puh, den Feminismus gibt’s jetzt ein paar Jahre, und der Art, über Geschlecht zu sprechen, merkt man das an: In der Diskussion zu dem Artikel, über den ich heute schreiben will, habe ich kaum etwas verstanden. Namedropping, Kommunismuskritik… Da kann ich nicht mithalten.

Aber von vorn. Im Mädchenblog schreibt Dodo folgendes:

Frauen bauen ihre Rollenzuweiseungen immer mehr aus oder ab, die Männer stecken in ihren Klischees fest. Während Mama und Papa der kleinen Susi sagen, daß sie alles werden kann, auch Astronautin, wird dem kleinen Mäxchen immer noch eingetrichtert, daß Jungs nicht weinen, kochenlernen nicht notwendig und Puppen nur für Mädchen sind. [...]
Wir brauchen also auch eine Männeremanzipation.

Das ist absolut richtig, und die Beispiele sind gut:

Mädels können in Hosen rumlaufen, mit Bagger und Nintendo spielen und auf Bäume klettern. Die Jungs? Mit Barbies spielen und gar Röcke oder Kleider anziehen? Womöglich noch in rosa??? Schock!
Frauen werden Architektinnen, Bademeisterinnen und Bundeskanzler. Aber Männer? Können die Kindergärtner, Arzthelfer oder Geburtshelfer werden?
Fazit: Männer dürfen dies und das, Frauen dürfen alles.

Nun kann man einwenden, dass die meisten Männer keine Lust haben, Röcke anzuziehen. Andererseits – manche wollen das schon, und können nicht, und zudem ist fraglich, warum die meisten Männer das nicht wollen. Wollen sie es nicht wollen, oder können/ dürfen sie es nicht wollen?

Aber das nur am Rande, im Wesentlichen habe ich das ja selber schonmal ausgeführt. Worum es mir heute eher geht, ist der Diskurs, der sich in den Kommentaren bei Dodo ergab. Der hat mich nämlich nicht nur (a) in weiten Teilen abgehängt, sondern vor allem (b) in zweierlei Hinsicht erschreckt:

  1. gab es dort einen Kommentar, der im Wesentlichen hieß: “Ich als Mann will vor allem in Ruhe gelassen werden, die Emanzen wollen immer an mir rumverändern”
  2. gab es dort ebenso einen Kommentar, der im Wesentlichen hieß: “Warum sollen die Männer sich emanzipieren, erstmal müssen sich ja wohl die Frauen nach jahrelanger und anhaltender Unterdrückung zu Ende emanzipieren”. Energie auf die Männer zu verwenden wäre Verschwendung.

In beiden Kommentaren kommt meiner Meinung nach ein falsches (oder mindestens unzeitgemäßes) Verständnis von Emanzipation zu Tage, nämlich von Emanzipation als eine Art Medikament, das man verabreicht und das bestimmte Wirkungen hat. Der erste Kommentar nimmt Nebenwirkungen wahr, die er nicht will (Veränderungszwang), der zweite will die Zielwirkung den Männern vorenthalten (weil die Frauen noch nicht gesund sind).

Wenn der Begriff “Emanzipation” so verstanden wird, kann ich verdammt gut verstehen, warum Leute in Abwehrhaltung gehen, wenn man ihnen damit kommt. Ich für meinen Teil habe Emanzipation aber immer als Streben nach Freiheit aufgefasst, und ein Diskurs über das Thema muss diesem Gedanken folgen. Wenn jemand sagt “Bestimmte Sachen sind mir in dieser Gesellschaft nicht möglich, ohne dass es dafür stichhaltige Gründe gibt”, dann muss die Reaktion sein: “Wow, das ist schlecht. Was tust du dagegen? Kann ich helfen?“.
Sowohl die Reaktion “Ja, meinst du denn ich kann alles machen, schau lieber mal wie’s mir geht” wie auch “Ja, und schuld sind jene, denen diese Sachen möglich sind” gehen völlig an der notwendigen Richtung von Emanzipation vorbei.

Und weil das so ist (das kann ich überhaupt nicht genug betonen) ist eine Diskussion über Frauen- bzw. Männerbewegung immer und notwendigerweise zugleich eine Diskussion über Gesellschaftsstrukturen an sich, und in weiten Teilen ist die Frage des betroffenen Geschlechts nebensächlich.

Ja, natürlich verdienen Frauen weniger Geld für die gleiche Arbeit, und da muss noch was passieren. Gesellschaftlich haben wir aber Strukturen, die bestimmten Menschen bestimmte Rollen zuschreiben, eine Wertigkeit, eine Verantwortung, eine Pflicht. Das ist unabhängig von Geschlecht kritisierenswürdig. Und eine solche Kritik kommt nicht in eingeschränkter Dosis, sodass man erstmal das eine Geschlecht gesundemanzipieren muss, und dann kommt der nächste Patient. Eine solche Kritik ist immer eine beidseits wirksame.

Oder, anders gesagt: Eine moderne Emanzipation muss in meinen Augen eine sein, die Sinn macht, ohne zu wissen welches Geschlecht man selber hat. Eine moderne Emanzipation muss also immer unter dem Schleier der Nichtwissens verstehbar und einleuchtend sein. Sonst handelt es sich nicht um eine Befreiung von gesellschaftlichen Strukturen, sondern um ein Umstrukturieren. “Jetzt bauen wir euch mal eine Mauer”, “Jetzt reißen wir euch mal was kaputt”, “Jetzt ignorieren wir mal eure Bedürfnisse und kümmern uns nur um uns”.

Eine Art genderbezogener Gazastreifen wäre das. Wo niemand recht hat und niemand glücklich wird.

4 Kommentare zu “Gendergaza”

  1. ben_

    Ich bin ja immer wieder fasziniert, wenn ich in die Welt der Gender- und Geschlechterdiskurse eintauche. Soviel bunte und exotische Ideen. Faszinierend. Faszinierend, wirklich.

  2. teilnehmer1

    ben_, das freut mich!

  3. felix

    Schön gesprochen.
    Dieses Verständnis von Emanzipation teile ich!

    - nur n’ bisschen plakativ mit dem Gendergaza, sach’ ich ma’..

  4. teilnehmer1

    Japp. Ausgesprochen plakativ. Aber ich finde es klingt ganz wunderbar. :)

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