Moblog: Gegenüberwachung

Täterschaft

14 02 2008 - 08:34, teilnehmer1
Männlichkeit
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Ich glaube, dass viele Männer keinen Bock auf Emanzipation haben, weil ihr Verständnis des Wortes bedeutet: Ich muss mich dann verändern. Ich muss irgendwas lernen, heißt also: Gerade kann ich was noch nicht. Auch die im Grunde sehr guten Beispiele von der ausgesprochen schlauen und differenzierten Dodo, über die ich letztens schrieb, sind defizitär: Männer können momentan bestimmte Dinge nicht.

Mein Verständnis von Emanzipation ist ja eher eines, das Freiheiten schafft. Manchmal kann das heißen, dass man etwas Neues darf/ will/ kann, manchmal kann das aber auch heißen, dass man bisher vorhandenen Ballast abwirft. Heute geht es um eins dieser letzteren Themen.

Mit “Täterschaft” bezeichne ich hier nicht vorrangig tatsächliche Täterschaft (zum Beispiel weil jemand jemand anderen ausraubt), sondern, öhm, introjizierte Täterschaft, so eine Art Grundhaltung des Täter-Seins. Diese introjizierte Täterschaft von Männern steht einer introjizierten Opferschaft von Frauen gegenüber, einer Opferschaft, die heißt: Ich bin nicht schuld. Das ist bequem, aber unfrei. Genau aus diesen Opferrollen (Tür aufhalten, sich helfen lassen, nicht befördert werden) haben sich Frauen jetzt seit Jahren befreit, und tun es noch. Weibliche Emanzipation hieß zu Teilen: Rollen möglich machen, die nicht per se schwach/ unterwürfig/ hilfsbedürftig waren. Bei den Frauen hieß das auch, viel Widerstand von männlicher Seite zu überwinden, bzw. besser: Patriarchale Strukturen zu überwinden.

Aber zurück zur Täterschaft. Vielleicht kennt ihr die. Ein prominentes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung ist die Situation, als ich mir ein Eis kaufte, und, da ich noch nicht nach Hause wollte, noch kurz auf den Kinderspielplatz ging, um den Kleinen beim Spielen zuzuschauen. Das Kind aus meiner WG war vor einiger Zeit ausgezogen, ich fand das schade, denn ich mag Kinder. Und als ich da so auf dem Spielplatz saß, ein leckeres Eis in der Hand, knuffige Kinder um mich rum, merkte ich so ein mulmiges Gefühl, das die eine oder der andere Leserin vielleicht auch hat. Mann auf Spielplatz. Hm.

In solchen Momenten wird mir aufgrund meines Geschlechts Täterschaft unterstellt.

Ebenso passiert es, wenn Frauen aus Angst vor mir die Straßenseite wechseln, oder, im Kleinen, wenn mich jemand für seine Probleme verantwortlich macht. Gerade letzteres mit sich machen zu lassen, halte ich für eine eher männliche Unart: Jemandem geht es schlecht, ich stecke zurück, verbiege mich ein bisschen, und helfe. Jemand weint, ich bin Kavalier und tröste. Aber will ich das gerade wirklich?

Verantwortung, ein Thema für echte Kerle, hat viel mit Täterschaft zu tun. Schuld ebenso.

Sich von dieser Täterschaft zu befreien wäre ein Thema einer männlichen Emanzipation, wie sie mir vorstellbar erscheint. Und bei diesem Thema geht es nämlich eben nicht um ein Defizit, um ein “Hier müssen Männer etwas lernen”, sondern genau um ein “Moment mal, Männer sind eigentlich ganz okay”. Denn, seien wir ehrlich: Es ist ein absolutes Unding, dass ich nicht ruhigen Gewissens mein Eis auf dem Kinderspielplatz essen kann. Das, was da in den Köpfen anderer passiert unterscheidet sich in nichts von fürchterlichen Vorurteilen wie “Schwule wollen mich bestimmt vergewaltigen” (die Seifengeschichten und so) oder “Frauen wollen immer nur Kinder”. Übrigens fällt mir beim Schreiben auf, dass es bei Männern immer eher um Gewalt geht… Interessant. Das muss man mal verfolgen.

Jedenfalls: Ich hab keinen Bock mehr, immer Täter zu sein. Und um kurz den Schwenk zu meiner These zu machen, dass jeder Sexismus immer beide Seiten trifft: Indem Männer ihre Täterrollen ablehnen, wird es für Frauen auch eher möglich, sich aus Opferrollen zu befreien. Weil ein Mann in seinem Täterschaft-Verantwortung-Service-Film natürlich einer Frau im Zweifelsfall viel abnimmt, auch viel Eigenverantwortung. Wenn ich – entschuldigt das klassische Beispiel – sage “Tut mir leid, dass es dir schlecht geht, aber ich glaube, ich habe nichts falsch gemacht”, ermöglicht das für mich eine Befreiung von Schuld, und für sie eine Konfrontation mit dem, was jetzt bei ihr los ist, um sich selbst zu helfen.

Ich nehm ihr den Packen nämlich nicht ab, wenn es nicht meiner ist.

6 Kommentare zu “Täterschaft”

  1. izanagi

    Sehr schön geschrieben, regt zum Nachdenken an. Danke.

  2. Nick

    Täterschaft-Verantwortung-Service-Film

    Schön ausgedrückt!

  3. teilnehmer1

    Dank euch! :)

  4. VortexSurfer

    Eine Anmerkung dazu: Den Satz “Ich nehm ihr den Packen nämlich nicht ab, wenn es nicht meiner ist” finde ich ein bißchen hart. Denn das hat meiner Meinung nach, ganz abseits der Täter-Opfer-Thematik, mehr mit Hilfsbereitschaft und Empathie zu tun. Trösten und helfen heißt ja nicht (oder zumindest nicht unbedingt), dass ich Schuld oder sonst etwas übernehme, sondern nur, dass ich für den anderen da bin. Und das kann ich auch, ohne mir eine Täterrolle zuzulegen.

  5. teilnehmer1

    @VortexSurfer: Extrem guter Punkt: Es ist der Schuldaspekt, den ich ablehne, nicht die Hilfsbereitschaft. Helfer ist nicht gleich Täter. Danke!

  6. We ourselves are responsible? : teilnehmer.ws

    [...] so möchte ich anmerken, ist genau der Täterschaft-Verantwortung-Service-Film, von dem ich letztens schrieb. Wer sich als Mann schlecht fühlt, muss selber schuld sein, denn wir haben ja die starken, guten [...]

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