Moblog: Gegenüberwachung

We ourselves are responsible?

17 02 2008 - 11:29, teilnehmer1
Männlichkeit
Kommentieren

Mei hat mich in den Kommentaren zu einem Artikel auf ihr Blog hingewiesen, in dem sie eine Einladung zu einer profeministischen Woche zitiert. Diese Woche hat weiße Mittelschichtsmänner zur Zielgruppe, und es geht um die damit verbundenen Privilegien. Ich stimme dem Tenor der Einladung in weiten Teilen zu: Tatsächlich gibt es diese Privilegien, tatsächlich sind sie nicht fair, tatsächlich müssen all jene Privilegien eingeebnet werden, die nur auf dem Rücken anderer errichtet worden sind.

Was mich stört an der Einladung ist die Haltung zu den männlichen Gefühlen hinsichtlich dieser Privilegien:

Certainly, there can be psychological discomfort related to our exercise of domination, a malaise, an unease, but this must not be mixed up with the very much harsher experience of being oppressed.

Soweit richtig. Wie ich auch schon schrieb, darf es nicht um ein Aufrechnen gehen. Das Problem, auf Täterrollen festgelegt zu sein, ist nach bestimmten Maßstäben weniger schlimm, als auf Opferrollen festgelegt zu sein.
Allerdings ist nach irgendwelchen Maßstäben der ganze Feminismus des 21. Jahrhunderts überflüssig, und immer mehr Leute legen diese Maßstäbe an, junge Frauen, die der Meinung sind sie könnten doch jetzt alles tun, was sie wollen, und junge Männer, denen die ganze Emanzipation auf die Nerven geht. Woanders verhungern Kinder, das ist doch schlimm.

Eine solche Aufrechnung aber ist falsch, denn es gibt keine begrenzten Ressourcen. Eine Beschäftigung mit den Schwierigkeiten an der Männerrolle ist nötig und korrekt, und nimmt niemandem etwas weg. Die Logik der Einladung aber erklärt diese Schwierigkeiten für nichtig und nicht diskussionsbedürftig:

These male problems (psychological discomfort related to our exercise of domination) are “boomerang effects” for which only we ourselves are responsible. We may [never be oppressed] because of the fact of our being a member of the class of men.

Unfug! Die überwiegende Mehrheit der aktuell lebenden Männer hat sich weder ausgesucht, in patriarchalen Verhältnissen zu leben, noch trägt sie absichtsvoll zu diesen Verhältnissen bei. Auch in Machtrollen kann man hinein gezwungen werden, und sich darin scheiße zu fühlen ist ja wohl der beste Motor für eine andere Beschäftigung mit Geschlecht, für ein Interesse an anderen Männerrollen.

Was wohl gemeint ist, ist Folgendes: Männer werden nicht zu Opfern des Feminismus, nur weil sie sich als Männer unwohl fühlen. Richtig, und leider gibt es Männer, die sich gegen Antisexismus wehren, sich angegriffen fühlen, und das halte auch ich für Quatsch. Was aber in der Einladung zusätzlich mitschwingt, ist eine Vermischung von Patriarchat (als gesellschaftliche Struktur) mit Geschlecht (als persönliches Merkmal). Damit konstruiert die Einladung eine Schuld des einzelnen Mannes an der gesellschaftlichen Struktur: “We ourselves are responsible”.

Das, so möchte ich anmerken, ist genau der Täterschaft-Verantwortung-Service-Film, von dem ich letztens schrieb. Wer sich als Mann schlecht fühlt, muss selber schuld sein, denn wir haben ja die starken, guten Rollen.

Das ist so, als dürfte ein Mann, der einen Job nicht bekommt, der eine Aufgabe nicht schafft, der eine Beziehung nicht rettet, niemals auf Mitleid zählen, denn er war ja Täter, schlicht weil er ein Mann ist. “We ourselves are responsible”. Bullshit.

4 Kommentare zu “We ourselves are responsible?”

  1. mei

    Ich hab deine Texte hier gestern Abend noch gelesen, nach dem ich den Eintrag bei mir online gestellt habe. Vor allem das mit dem Täter-Opfer-Film fand ich sehr gut. Ich sehe den von mir zitierten Text jetzt auch nicht als das antisexistische Manifest, sondern bin froh, wenn sie eine Debatte entspinnt, in der es darum geht, was eine profeministische Politik sein kann. Ich denke, zwei Aspekte aus dem Text wären auch kompatibel mit deinen Überlegungen zum Täter-Sein-Mindset. Nämlich zum einen:

    “That is the basis for beginning to counter our habits of domination, including ways of acting and reacting that might seem banal and nothing to do with domination at first glance.”

    Ich denke, Männer wie Frauen *performieren* ihre Rollen immer wieder in banalen Alltagssituationen. Und Teil einer feministischen Kultur ist es ja auch, Wege zu finden, um damit zu brechen.

    Und zum anderen:

    “Politically, it would be contrary to a profeminist stance to make these problems a central issue, or to use them to demand attention.”

    Das wäre ja schon fast Opferkonkurenz: Wer ist das wirklich unterdrückte Geschlecht? Das geht nicht, und das bringts auch nicht. Aber

  2. mei

    huch, den letzten absatz wollte ich eigentlich noch löschen :(

  3. L’homme nouveau at i heart digital life

    [...] Edit: Bitte um freundliche Beachtung von Teilnehmers Überlegungen: We ourselves are responsible? [...]

  4. Nick

    und leider gibt es Männer, die sich gegen Antisexismus wehren, sich angegriffen fühlen, und das halte auch ich für Quatsch.

    Ich denke, viele sehen einfach die Paradoxie, die Du schön skizziert hast: Sie sehen sich gerade auch von dem, was als “Feminismus” im Mainstream so daherkommt, in den “Täterschaft-Verantwortung-Service-Film” heineingepresst. Ein Film, den viele vielleicht nur allzugerne ablegen würden. Sie haben keine Lust, sich für etwas beschimpfen zu lassen, das von ihnen gleichzeitig verlangt wird.

    Ich mag den Begriff “Profeministisch” nicht so sehr. Wir sollten uns nicht von irgendeinem diffusem Schuldgefühl, wir würden Frauen unterdrücken leiten lassen, sondern davon, dass wir als freie Menschen anderen auf Augenhöhe begegnen wollen – Und uns nicht in irgendwelche Ritter- Beschützer- Prinzen- und Versorgerrollen pressen lassen möchten. Dass Freiheit immer einen Preis hat, ist klar.

    Dass eine Machtposition Unfreiheit bedeutet – Das sollte auch klar sein, umsonst gibt einem niemand Macht.

Deine Meinung?