Moblog: Gegenüberwachung

Finstere Blicke wie Muränen.

14 05 2008 - 11:41, teilnehmer1
Gender, Männlichkeit
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Männer schauen finster drein. Ich laufe durch die Stadt, und immer wieder treffe ich Männer, die nicht einfach nur rumlaufen, nein, sie gehen durch die Stadt, wiegen ihre Schultern und schauen finster drein. Mundwinkel leicht nach unten, Kinn leicht nach vorne, und wenn man sie anschaut, vergeben sie Blicke wie Muränen. Lieber weggucken.

Was ist da los? Es kommt mir so vor, als sähe ich mehr Frauen, die halt einfach schauen. Weder finster, noch drein, die schauen einfach. Manchmal tragen sie ein Lächeln, manchmal nicht, diese finsteren Blicke jedenfalls sind seltener. Vor ein paar Tagen stieg ein junger Mann in den Zug ein, der lächelte, und ich war überrascht – da erst wurde mir der Kontrast so richtig bewusst.

Cool sein. Hart sein. Lässig sein. All das assoziiere ich mit den Muränen-Blicken, und mein zweiter Gedanke ist Mitgefühl. Das muss extrem anstrengend sein, permanent aufzupassen, ob man auch gerade ausreichend kühl ist. Oder merkt man es womöglich gar nicht? Sind die Blicke wie Muränen nur Ausdruck einer Haltung? Fühlen diese Männer sich etwa so, wie sie aussehen? Garstig, angestrengt, lässig.
Der erste Gedanke ist übrigens Abwehr. Ich fühle mich fast angegriffen von diesen Blicken. Als wenn man durch ein Minenfeld geht. Muränenminen-Mienen haben sie.

Aber zur Deutung: Wie ich oft sage, trifft Sexismus immer beide Seiten. Das Patriarchat ist scheiße genug für alle, und wenn Menschen Opfer des Systems werden, akzeptieren sie ihre Rollen und füllen sie, so gut sie können. Sie bleiben zu Hause, halten den Mund und fürchten die Nacht, oder sie definieren sich über Kraft und Unnahbarkeit und gucken böse durch die Gegend.

Ein lächelnder Mann scheint kein männlicher Mann zu sein. Erst kürzlich sprach ich mit Freundinnen über einen Mann, der sensibel ist, freundlich, Zugang zu seinen Gefühlen hat und alles in allem ein angenehmer Zeitgenosse. “Feminin”, lautete das Urteil der beiden Freundinnen.
Das ist bedenklich. Sobald ein Mann seine Rolle anders füllt, ist er kein Mann mehr. Das führt natürlich dazu, dass die Rollen absolut stabil bleiben, denn Ausnahmen bestätigen sofort die Regel. Wenn jemand Ausländer blöd findet, und sein bester Kumpel ist Pole, dann wird er sagen “Naja, der Pjotrek ist eben nicht wie die anderen Ausländer”. Analog zu “dieser Mann ist irgendwie feminin” würde er vielleicht sagen “Pjotrek ist irgendwie deutsch”. Das ist bekloppt, denn diese Erfahrungen sollten eigentlich dazu führen, dass die Vorurteile schwinden, anstatt dass man die jeweiligen Rollen noch deutlicher sieht.

Wenn Männer also finster blicken, werte ich das als Zeichen, dass sie in den für sie vorgesehenen Rollen bleiben. Die Frage nach Freiwilligkeit stellt sich nicht (Sozialisation und Gesellschaft prägen unseren Willen – ist er dann frei? Die Frage führt zu nichts, also stellt sie sich nicht), aber es stellt sich die Frage nach der Richtigkeit dieser Rollen. Ich verneine diese Frage: Die Rollen sind bullshit. Jede Rolle, aus der man nicht rausdarf, ist bullshit.

Deshalb: Lächeln ist Emanzipation. Freundlichkeit ist Antisexismus. Offenheit ist Freiheit.

7 Kommentare zu “Finstere Blicke wie Muränen.”

  1. fym

    Ich musste mir schon öfter die Frage gefallen lassen, warum ich denn so finster dreinschauen würde. Das verwirrt mich jedesmal, weil ich just in diesen Momenten wissentlich gar keinen bestimmten Ausdruck habe. Muskeln nicht angespannt und einfach alles im Gesicht hängen lassen; finde ich sehr entspannend und neutral. Nur leider scheint das dann finster/böse/weiss der Geier was zu wirken (da sollte man mal drüber nachdenken: Neutral = böse/finster? Hm.) Kann ich ja nichts für, dass mir die Natur einen entspannt-finsteren Gesichtsausdruck verpasst hat. Und ich kann auch nichts für die Assoziationen der Mitmenschen ;)

    Manchmal allerdings, zugegebenermaßen, schaue ich bewusst finster. Da schlägt allerdings kein Bestreben durch, irgendeine Rolle erfüllen zu müssen. Da übernimmt schlicht der Freizeit-Misanthrop in mir für kurze Zeit das Ruder ;)

  2. teilnehmer1

    Hm. das ist natürlich eine Erklärung mit deutlich weniger Tragweite. :)
    Wobei ich trotzdem noch nicht erklärt sehe, warum mir das mehr bei Männern auffällt.

    Im Übrigen: Ich meinte nicht, dass es ein *Bestreben* gibt, finster zu schauen – ich glaube, es geschieht, ganz ohne Bewusstsein, einfach aus den Rollen heraus, die man so gelernt hat.

  3. ben_

    Ich will wirklich keine sexistischen Klischees ausgraben, aber wenn ich für meinen Teil mich durch die Stadt bewege, dann ist das entweder um von Zuhause zur Arbeit zu kommen oder um von der Arbeit nach Hause zu kommen. Beide Male habe ich übermäßig Anlaß, wie Ben Grimm zu schauen (SUPER Wortspiel oder?). Vielleicht geht es den anderen Männern ähnlich?

  4. nichts » vollkommen. frei, glücklich und zufrieden

    [...] und Zuversicht dahinschmelzen können. Doch alles hat ein Ende. Ich musste aussteigen. Hinaus, hinaus– in die Welt der Muränen. Und der Pessimist atmete [...]

  5. Andro Gyn

    Ich könnte nicht behaupten, dass “Frauen” fröhlicher gucken würden.

  6. fym

    Jap, wollte ich letztens auch schon Bloggen. Diese Einschränkung hier auf Männer ist mir letztens auch durch den Kopf gegangen, als ich in der Stadt war. Ebenso durch Kontrast erst bemerkt, wie oft man auf die weibliche Variante trifft. Aber die Genderdiskurse überlasse ich besser Leuten, die sich damit auskennen ;)

  7. teilnehmer1

    Jaja, ihr habt ja Recht… Mir war letztens auch schonmal aufgefallen, dass das eigentlich nicht mehr haltbar ist. Im Grunde sagt es viel mehr über mich und meine Gender-Sichten aus, dass ich das Gefühl hatte, es wären vorwiegend Männer. Hmpf.

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