Indizierung
Demnächst kommt Gears of War 2 raus, ein neues Spiel für die XBOX 360, und weil mich das Spiel interessiert, beschäftige ich mich gerade mit Indizierung. Weil Gears of War sowohl im ersten wie im zweiten Teil ziemlich blutig ist, greift das Jugendschutzgesetz, und in Deutschland möchte man nicht so gern, dass Leute unter 18 das spielen. Soweit, so gut, dafür haben wir ja die USK, die sagen, ab welchem Alter man ein Spiel spielen sollte. Nun hat die USK aber etwas Interessantes gemacht: Sie hat dem Spiel die Einstufung verweigert. Nur dann ist es der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien nämlich möglich, ein Medium zu indizieren. Indizierung bedeutet, dass ein Medium nicht nur ausschließlich für volljährige Menschen freigegeben ist, sondern dass es weder beworben noch offen gehandelt werden darf. Es ist theoretisch trotzdem legal, es zu kaufen – entweder im Ausland, oder bei direkter Ansprache eines Händlers.
Mir fiel in der Beschäftigung mit dem Thema auf, dass ich das ganz schön krass finde. Eine Indizierung ist nämlich im Grunde das Aus für ein Medium. Beim ersten Teil von Gears of War beispielsweise hat Microsoft entschieden, das Spiel in Deutschland gar nicht erst zu veröffentlichen, weil sie es ja nicht bewerben dürften. Das kommt faktisch einer Zensur gleich – dieses Spiel gibt es nicht in Deutschland, weil es für Jugendliche nicht geeignet ist.
Nun gebe ich zu, gerade fuchst mich das besonders, weil ich das Spiel gern spielen würde. Der erste Teil war total cool. Aber aus drei Gründen schmeckt das auch allgemein komisch für mich.
1. Wirkung auf Jugendliche alles andere als klar
Zwar wird immer wieder mal geschrien, dass gewalttätige Videospiele die Jugend verderben, aber die wissenschaftliche Grundlage dafür ist mehr als mager. Man findet direkt nach dem Spielen zwar eine verringerte Empathie für Gewaltopfer, so eine Art “Gewöhnen”, aber das hält nur Minuten an. Langfristige Effekte sind bislang nicht nachgewiesen. Ich wage auch zu behaupten, dass sich Computerspiele und Filme in eine Reihe stellen werden müssen mit Comics, Pornographie, dem Internet, dem Fernsehen und Büchern. Allesamt waren das Kandidaten, den Untergang über die Gesellschaft zu bringen. Hier ein Auszug aus der Indizierungsbegründung der Tarzan-Comics (aus der Wikipedia):
Sie würden auf Jugendliche „nervenaufpeitschend und verrohend wirken“ und sie „in eine unwirkliche Lügenwelt versetzen“, so die Begründung. Derartige Darstellungen seien „das Ergebnis einer entarteten Phantasie“.
Das sind die gleichen Thesen wie heute, und sie waren damals wie heute nicht zu belegen. Mein Ruf geht an dieser Stelle immer an die Medienkompetenz. Ich hab einem Freund von mir, 4 Jahre alt, mal in groben Zügen die Geschichte von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer erzählt, der ist total durchgedreht vor lauter Nervenaufpeitschung. Aber ist das ein Grund, das Buch zu verbieten? Nein, das ist ein Grund, mit ihm darüber zu sprechen, was es mit Phantasie-Welten auf sich hat und wie man mit Gefühlen umgeht, die einem Angst machen.
2. Ausweitung des Verbots auf Erwachsene
Durch das sich ergebende Werbeverbot entsteht im Markt faktisch eine Vernichtung des Mediums. Ich habe darüber nachgedacht, was das Schlimme an Zensur ist. Warum will man das eigentlich nicht in einer freien Gesellschaft? Ich glaube, es ist nicht die Tatsache, dass ein Staat bewusst etwas verbietet (was ja hier nicht der Fall ist, da entsteht das nur zufällig), also nicht die Bevormundung, das Schlimme ist ganz schlicht und ergreifend die Tatsache, dass es einen Teil der Realität gibt, der der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Das macht die Menschen dumm und unmündig. Freie Meinungsäußerung ist ja nicht nur gut für den Äußerer, sondern für alle, auf dass man sich an den unbequemen Meinungen reibe und stoße. Dadurch entsteht gesellschaftlicher Diskurs, dadurch entsteht gesellschaftliche Übereinkunft, dadurch entsteht Gesellschaft. Bei der Kunst klappt das ganz gut. Man darf sogar Tote an Fische verfüttern. Alle reden drüber, wunderbar.
3. Normen sind für’n Arsch
Ich bin insgesamt kein großer Freund von Normen. Sie beschränken das Individuelle, sie blockieren den Zugang zu manchen Gefühlen (Denkbeispiel: Schwul sein in einem 100-Seelen-Dorf) und insgesamt nehmen sie für sich eine Wahrheit in Anspruch, die ihnen die Zeit immer wieder entreißt. Denn Normen wandeln sich. Frauenbild, Sexualität, Minirock. Bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien sitzen wohlgemerkt nur 12 Menschen (oder, bei “offensichtlich jugendgefährdendem Material” auch mal nur 3 – wer wohl entscheidet, dass etwas offensichtlich jugendgefährend ist?) beisammen, in meiner Vorstellung alle über 40, und entscheiden das. Die Maßstäbe, die sie dabei anlegen – und das kann man ihnen nur bedingt vorwerfen – sind natürlich die Maßstäbe ihrer Generation und ihrer Schicht, und man kann jetzt schon vorraussagen, dass diese Maßstäbe in 20 Jahren nicht mehr haltbar sind. Mit welcher Berechtigung tun sie das? Wenn da statt dieser 12 Leute zur Hälfte Videospieler und zur Hälfte Wissenschaftler aus dem Forschungsbereich “Neue Medien” säßen, die würden wahrscheinlich Kaffeetrinken gehen. Andere Normen, andere Wahrheiten.
Fazit
Ich hab eigentlich kein Fazit. Ich bin erstmal nur verärgert. Nicht nur macht da ein Gremium viel von der Arbeit, die eigentlich in Familien gehört (nämlich die Arbeit am Umgang mit schwierigen Medien), es macht sie auch noch sehr schlecht, nämlich mit der großen Kelle. So groß, dass man fast von Zensur sprechen kann. Und nicht nur macht sie diese Arbeit sehr schlecht, sie macht sie auch noch aus komischen Gründen.










Ich möchte aber kurz eine Lanze für die USK brechen. Ihnen den schwarzen Peter zuzuschieben wäre zu viel.
Nach dem Amoklauf vom Erfurt geriet die USK gewaltig unter Druck, da ja angeblich Counter-Strike schuld an allem hätte, müsste es ja wohl verboten werden. Doch die USK hat sich erfolgreich dagegen gestellt, aus gutem Grunde.
Allerdings noch ein Punkt: Ich glaube, du dürfest solche Spiele nicht aus dem Ausland beziehen. Ohne USK-Stempel dürfen, glaube ich, keine Spiele gekauft werden…
Salut! Wäre mir neu… ich weiß nur, sie dürfen nicht VERkauft werden. Indizierung heißt ja nicht verboten. Das wäre ja noch schöner…
Aloha,
könntest du mich bitte mal per Mail kontaktieren? Würde evtl. gerne den Devianz-Artikel abdrucken.
Viele Grüße,
Pascal
ich schliesse mich izanagi an und sag mal, dass die usk wirklich einen guten job macht. derzeit können wir echt froh sein, dass wir die usk (noch(?)) haben. prominente gegner von gewalthaltigen neuen medien wie zb christian pfeiffer versuchen nämlich die USK abzuschaffen, da sie ihrer meinung nach zu lasch bewertet.
Stimmt, laut Wikipedia werden die Spiele ohne Siegel wie Spiele ohne Jugendfreigabe (also ab 18) behandelt. So kenne ich das eigentlich auch aus Erfahrung.
Trotzdem in solchen Grenzfällen alles nicht so einfach…
Hm. Ich hab nochmal über eure Worte zur USK nachgedacht. Folgendes fällt mir noch dazu ein:
1. Mich stört erstmal nicht die USK, mich stört das Weiterreichen an die BPjM. Menschen über 18 sollte (muss!) man zutrauen, selbst zu entscheiden. Das ist der ganze Witz an einer Demokratie. Sofern mal also die USK als ein Jugendschutzgremium auffasst, ist meine Kritik deutlich kleiner.
2. Was auch bei der USK als Jugendschutzgremium an Kritik bleibt, ist die große Fraglichkeit, ob Nicht-Verfügbarkeit für die Kinder tatsächlich besser ist als Medienkompetenz. Ich persönlich bezweifle das, und sowohl die Geschichte wie auch das Umland gibt mir dabei meinem Empfinden nach Recht.
Der schwarze Peter soll nicht zur USK. Eigentlich will ich überhaupt keinen schwarzen Peter verteilen. Eigentlich will ich nur keine Zensur.
tja, leider ist die von dir gewünschte medienkomptenz einfach nicht gegeben. das fängt ja schon bei den stickern der USK an. viele eltern verstehen diese altersangaben scheinbar als empfehlungen, wie sie bei brettspielen üblich sind (“für alle von 8 bis 88″).
ähnlich utopisch sehe ich, leider, dass zensur nicht nötig sei. ich finde es zb beispiel super, dass, ganz anderes besipiel, einige raggea-mcs in europa auftrittsverbot haben, weil sie in ihren texten offen zur gewalt gegen homosexuelle aufrufen.
und das ist ja eigentlich auch eine art von zensur