Der Amoklauf
Nun ist es wieder mal passiert. Ein Junge dreht durch und erschießt Menschen. Das ist schlimm. Und natürlich sind da die Wünsche: Das möchte man verhindern in Zukunft, und dafür möchte man es verstehen.
Kurz ein Blick auf die Geschichte (nach kurzer Google-Suche in einer medizinischen Datenbank von Zeitschriften gefunden):
Amok, or running amok, is derived from the Malay word mengamok, which means to make a furious and desperate charge. Captain Cook is credited with making the first outside observations and recordings of amok in the Malay tribesmen in 1770 during his around-the-world voyage. He described the affected individuals as behaving violently without apparent cause and indiscriminately killing or maiming villagers and animals in a frenzied attack. Amok attacks involved an average of 10 victims and ended when the individual was subdued or “put down” by his fellow tribesmen, and frequently killed in the process.
http://www.pubmedcentral.nih.gov/articlerender.fcgi?artid=181064
Klingt bekannt. Ungefähr so läuft das immer noch. Das klingt interessanterweise auch so, als wenn man das eher als eine Krankheit verstehen könnte, und weniger als ein Verbrechen. Der wichtige Unterschied liegt für mich im Anteil des Bewusstseins in der Entscheidung. Jemand, der seinen Vater umbringt, um sich das Erbe zu sichern, entscheidet das bewusst, die Gedankengänge gehorchen “normalen” Prinzipien. So jemand ist ein Verbrecher.
Jemand, der seinen Vater umbringt, weil er der Meinung ist sein eigenes Leben nicht ertragen zu können, und deshalb müsse der Vater sühnen dafür, dass er ihm dieses Leben geschenkt hat, ist eher nicht so ganz strukturiert im Kopf. So jemand ist eher ein Kranker.
Die Unterscheidung ist nicht immer klar zu treffen, aber wenn es etwas ist, was immer mal wieder passiert, aus unklaren Gründen, ohne rationale Erklärungen, dann klingt das für mich eher nach Krankheit.
Diese Betrachtung rückt Amokläufe in die Nähe von Serienmördern und geistig verwirrten Attentätern, und gestaltet meiner Meinung nach die Suche nach Ursachen ziemlich schwierig. Was sind die Ursachen für psychische Störungen? Daran forschen die Psychologen schon lange, und so richtig weiß man es nicht. Epigenetik (erbliche Muster, die die Eltern entwickelt haben), Diathese-Stress (eine Veranlagung äußert sich unter Stress), Vulnerabilitäten (Anfälligkeiten), all solche Sachen gibt es, aber sie sind immer ein bisschen tautologisch, will sagen: Im Grunde heißen sie nicht mehr als “Manche Leute kriegen das, andere nicht, und vermutlich war es für erstere wahrscheinlicher, es zu kriegen”.
Videospiele können dabei eine Rolle spielen. Aber sie sind nicht Auslöser eines Amoklaufs. Sie sind unter Umständen Inspirationsquelle für Leute, die eh schon spinnen, oder sind Anzeichen (bei Überkonsum) von Schwierigkeiten, die nicht bearbeitet werden (Schule, Freunde, Beziehung, Eltern).
Ich werde immer ganz traurig, wenn die Diskussion so unsachlich wird. Nur ganz kurz: Rein statistisch ist es völlig unmöglich, den Zusammenhang zwischen Videospielen und Amokläufen zu finden, schlicht weil die Grundgesamtheit von Videospielern so unglaublich hoch ist. 99,9% der Videospieler (geschätzte Zahl) laufen nie Amok, sondern sind nette geekige Leute die das Bruttosozialprodukt steigern. Da könnte man mit mehr Fundament behaupten, Videospiele machen Leute zu netten Menschen. Aber auch das ist Unfug. Es steht (meiner Meinung nach) schlicht nicht in Zusammenhang.
Der Amok laufende Junge hat sicherlich auch einen Fernseher gehabt. Und gelegentlich masturbiert. War vermutlich unglücklich verliebt. Lauter Eigenschaften eben, die außer ihm auch Tausende von anderen Leuten haben, und deshalb können all diese Eigenschaften genauso wenig wie Videospiele erklären, warum nun gerade ER durchdreht.
Dieser Sprung zu diesem Erklärungsmuster ist naiv, in ihm zeigt sich eine kulturelle Prägung von vielen Menschen, dass Gewaltspiele nicht so cool sind, also müssen sie doch damit zu tun haben. Vor 50 Jahren wäre es übrigens noch möglich gewesen, auch die Masturbation für den Amoklauf verantwortlich zu machen, da war das nämlich die kulturelle Prägung. Aber das führt nirgendwo hin.
Wir müssen uns anschauen, was ihn von allen anderen unterscheidet, da liegt der Hund begraben. Was ist mit diesem Jungen, dass er so durchdreht? Die Videospiele können es nicht sein: Die meisten Leute merken diesen Effekt nicht. Die Studien, die einen Anstieg von Gewaltbereitschaft o.ä. finden, tun das Minuten nach dem Spielen – direkt danach ist man etwas abgestumpft gegenüber Gewalt. Langzeiteffekte aber sind bislang nicht gefunden (und vermutlich auch selten untersucht, ist nämlich viel schwieriger).
Also, mein Fazit: Amokläufe haben etwas mit psychischer Störung zu tun, und um sie zu verstehen, müssen wir endlich beginnen, uns das anzuschauen, was Menschen, die diese psychische Störung entwickeln, von jenen unterscheidet, die sich – bei fast gleichen Umwelteinflüssen – ganz anders verhalten.
Das wäre eine wissenschaftliche, ernstzunehmende Betrachtung des Themas. Was gerade passiert, ist ein Zirkelschluss auf Basis der eigenen Vorurteile: “Ich finde Gewaltspiele falsch, da läuft jemand Amok, das muss zusammenhängen”. Nach dem Fernsehen schreit interessanterweise keiner mehr, dabei war das vor ein paar Jahrzehnten das große Ding, das unsere Jugend verdirbt.
Und das Schlimme an diesem Zirkelschluss ist nicht, dass er haltloser Unfug ist: Das Schlimme ist, dass wir (1) damit keine Amokläufe verhindern werden, und (2) falsche Entscheidungen treffen Zum Beispiel alle Spiele, die ab 18 sind (und die somit eh kein Jugendlicher haben dürfte) aus dem Laden zu verbannen. Das trifft zig Leute, die nie Amok laufen würden, und hat (daher ist es wichtig) irgendwie was von Zensur, von weniger Freiheit.
Das finde ich nicht so gut.










Wie immer ein sehr sehr schöner Artikel, insbesondere die Etymologie von “Amok”.
Sehr spannendes Video von der TED zum Thema “Geschichte der Gewalt”
http://www.ted.com/index.php/talks/steven_pinker_on_the_myth_of_violence.html
seit langem der erste gute artikel über den amoklauf den ich sehe. und ich bin ganz arnes meinung ( und das nicht weil ich “killerspiele” spiele). finde ich ist eine sehr gute beschreibung einer sehr guten beobachtung.