Moblog: Gegenüberwachung

Der dunkle Weg, den wir rückwärts gehen.

13 05 2009 - 14:55, teilnehmer1
Kultur, Weltgeschehen
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(Photo von Roomic Cube)

Die Welt wird gerade spießiger. Oder reaktionärer, konservativer, keine Ahnung, die Begriffe interessieren mich nicht so sehr. Das Paintball-Verbot ist tatsächlich beschlossen. Ganz ohne eigene Betroffenheit fasse ich mir an den Kopf. “Spiele, bei denen das Töten des Gegners simuliert wird” also. Ganz anders als beim Fechten. Meiner Meinung nach ist das ein Vorstoß auf Kosten einer kleinen Minderheit, um nächstes Jahr dann jegliche Computerspiele zu verbieten, in denen es um Krieg und Schießen geht. Genauso, wie es bei den Netzsperren von Frau von der Leyen irgendwann auch darum gehen wird, Urheberrechtsverstöße auszublenden. Schön die bösen Seiten weg.

So ist das mit dem Bankgeheimnis auch – die Möglichkeiten der Finanzbehörden wurden da irgendwann erweitert (soweit ich das verstanden habe), sodass kein Verdacht auf eine Straftat mehr nötig war, um aufs Konto zu gucken, sondern Ungereimtheiten schon reichen (Quelle).

Aber das alles ist nur die Spitze des Eisbergs. Irgendwie merke ich mehr und mehr, dass die Welt schonmal lockerer war, und ich bedaure die aktuelle Entwicklung. Immer mehr Dinge werden kontrolliert. Was wir spielen, zum Beispiel. Das muss man sich mal vorstellen. Kernbereich privater Lebensgestaltung goodbye. Aber der Wandel ist nicht politisch, ist nicht von oben. Er ist in uns.

Neulich war ich an einer Schule (wo ich einen Workshop zum Thema Berufsorientierung durchführen sollte) und war in einer kleinen Lehrerbibliothek untergebracht. In der Pause suchte ich nach einem interessanten Buch, und fand eines aus den 70ern – es ging um Pornographie.

“Lustig”, dachte ich, “das wird einem sicher heute spaßig vorkommen, wo wir doch mittlerweile viel aufgeklärter und lockerer sind”. Pustekuchen. Von der Lockerheit könnten wir uns alle eine Scheibe abschneiden. Während erst vor ein paar Monaten Andreas Dresens Film über alte Leute, die Sex haben, mit Schockierung/ Begeisterung aufgenommen wurde, war das in dem Pornographiebuch aus den Siebzigern gerade mal einen Nebensatz wert. Auch Begeisterung kann ein Zeichen von Spießigkeit sein, denn sie drückt aus, was wir als normal erachten.

In der Bielefelder Stadtillustrierten “Ultimo” war in der letzten Ausgabe ein Artikel über einen Sex-Shop, und trotz dem Anstrich von “Hey, wir sind total locker und gehen sogar in einen Sex-Shop” war der ganze Artikel völlig verstockt. Es geht in einem Sex-Shop nämlich eben nicht darum, dass die Titel der Pornos lustig sind oder dass die Dildos hübsch aussehen, es geht um Sex, um Lust und Körperflüssigkeiten. Wenn sich sogar die arroganten Linken nicht mehr trauen, unverkrampft über Sex zu reden, wer macht es denn dann? Sigrid Neudecker auch nicht wirklich… häufig geht es da um Kuriositäten, um Schmunzelmacher.

Jedenfalls: Als ich dieses Pornographie-Buch in der Hand hatte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Wir sind mitten in einer Phase des Rückschritts, ohne es zu merken. Die Leute werden immer verklemmter, die Politik wird immer restriktiver, Umgangsformen werden immer wichtiger, der Lebenslauf muss super aussehen… es passt alles ins Bild.

Es geht rückwärts. Irgendwo hab ich mal gehört, die Geschichte bewege sich eben in Zyklen von Progressivität und Konservatismus. Hat da jemand einen Link? Wann hört das wieder auf?

3 Kommentare zu “Der dunkle Weg, den wir rückwärts gehen.”

  1. diltigug

    gut beschrieben, ich empfinde unsere Zeit auch so. Das fiese dabei, es geht so schleichend, das die Veränderung die meisten nicht mitbekommen und sie dann die neue Situation nicht als neu sondern als normal empfinden.

  2. Jan sein Blog › Sind wir soeben in China angekommen ?

    [...] beschreibt in seinem Beitrag “Der dunkle Weg, den wir rückwärts gehen” wie ihm durch einen Zufallsfund in einer Bibliothek die Erkenntnis kommt, das sich unsere [...]

  3. ben_

    Herzlich willkommen in der Restauration!

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