Godwins Gesetz gilt nicht mehr.
So, huschdibusch aus dem Fenster gelehnt: Ich sage, Godwins Gesetz kann nicht länger gelten. Was zur Hölle ist Godwins Gesetz? Nun, das ist ein Begriff auf der Netzkultur, und bezieht sich darauf, dass irgendwann in einer Diskussion, wenn sie nur lang genug geht, jemand einen Vergleich mit dem dritten Reich zum Besten gibt. Häufig wird Godwins Gesetz dann zitiert, um zu sagen, dass die Diskussion ab sofort eigentlich keinen Sinn mehr macht. Diese Implikation war zwar, so die Wikipedia, gar nicht im Sinne vom guten Herrn Godwin, häufig wird es aber doch so gemacht.
In letzter Zeit aber begegnen mir häufiger mal Diskussionen, wo ich mir selbst nicht helfen kann, und denke: Stimmt, so war’s auch in den 30ern. Den Vergleich kann man machen. Neulich zum Beispiel, als Hagen Rether darauf hinwies, dass sich der augenblickliche Antiislamismus in nichts, aber auch gar nichts, von dem Antisemitismus von vor 80 Jahren unterscheidet (ich sage bewusst 80, weil vor dem dritten Reich natürlich auch schon viel Antisemitismus unterwegs war, aber noch niemand in KZs steckte – das ist dann nämlich doch ein drastischer Unterschied).
In dem Zusammenhang verweise ich auf den Hasinator, der sich wundert, dass sich Leute wundern, wenn 20% der Deutschen sagen: Es war nicht alles schlecht damals. Völlig zurecht stellt der Hasinator fest: Natürlich war nicht alles schlecht. Wie soll alles schlecht sein, wenn ein Regime versucht, seine Bürger hinter sich zu stellen?
Auch mein Großvater konnte berichten, dass die Hitlerjugend natürlich eine nette Sache war – zumindest, wenn man das losgelöst von Sinn und Zweck betrachtet. Erstmal war sie, vom Erleben her, auch nicht anders als Pfadfinder oder CVJM: Viele Jungs machen Spiele und halten zusammen. Klar ist das schön.
Der Hasinator findet, und das ist schlau, viel bedenklicher, dass 80% der Deutschen alles verteufeln, was damals war. Wer sich, so führt er aus, bei jeder Gelegenheit möglichst deutlich vom dritten Reich distanziert, schaut nicht mehr genau hin, wie das dritte Reich eigentlich so war. Wie zur Hölle es sein konnte, dass die Bürger (die ja sicher nicht alle böse waren) lange Zeit hinter (und zumindest nicht mehrheitlich entgegen) einem Regime standen, dass ihre Freiheit untergrub, Menschen verachtete, tötete und benutzte. All diese Mechanismen, die dafür sorgen, dass Bürger mitmachen, funktionieren nämlich auch ohne Hakenkreuz, und sollte es einmal soweit sein, muss man hingucken:
Eine einseitige Sichtweise auf das schwärzeste Kapitel unserer Geschichte sorgt dafür, dass man vergisst, wie Diktaturen funktionieren und sich äußerlich mit gar nicht üblen Maßnahmen einen Rückhalt in der Bevölkerung aufbauen, während im Hintergrund die größten Verbrechen ablaufen und die Freiheiten nach und nach demontiert werden. Und wenn man das vergisst, vermag man selbst nicht mehr festzustellen, ob nicht auch die eigene Gesellschaft allmählich in diese Richtung abdriftet. Vielleicht beginnt es ja auch wie damals mit Politikern, die die Angst der Bürger vor Anschlägen schüren, und mit Gesetzen, die angeblich nur der Sicherheit des deutschen Volkes dienen. Seid wachsam.
Hasinator
Ich habe das, weil wahrscheinlich auch ich zu feige war, das dritte Reich als Beispiel zu nehmen, immer mit der DDR versucht: Wann war der Zeitpunkt, an dem man hätte merken können, dass man in einer Diktatur lebt? Ab wann ist es nicht mehr verzeihlich, sich nicht gegen ein Regime zu wehren? Erst als die Mauer stand? Schon vorher? Erst, wenn die Stasi den Nachbarn mitnimmt? Oder schon, wenn Mikros installiert werden? Die Computer heimlich durchsucht werden?
Der Punkt ist schwer, sehr schwer auszumachen. Aber ich gebe dem Hasinator Recht – Wachsamkeit statt Weggucken. Godwins Gesetz kann nicht mehr gelten.










Es ist ein trauriges, alarmierendes Zeichen, dass ich neulich den gleichen Gedankengang hatte. Die Furcht vor einem neuen Staatsfaschismus sitzt mir schon im Nacken.
Danke!
Du formulierst meine Gedanken präzise aus.
Selbiges habe ich gedacht als ich mit Godwins Gesetz konfrontiert wurde, konnte argumentativ jedoch nicht so ausführlich darauf einzugehen.
Nur mein inneres hat mir Gefühlsmässig das vermittelt wie Du es jetzt in klare Worte gefasst hast.
Dankeschön.