Moblog: Gegenüberwachung

Übersexualisierung

14 01 2008 - 08:28, teilnehmer1
Männlichkeit
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Man mag mich der Sensationsgier beschuldigen, aber interessant ist es doch: In Schweden gibt es eine Gruppe von Frauen, die aus emanzipatorischen Gründen das Recht einfordern, in Schwimmbädern (genau wie die Männer) oben ohne sein zu dürfen:

Die jungen Frauen sehen den Zwang, ihre Brust zu bedecken, als Symptom der Übersexualisierung von Frauenkörpern. “Es ist diskriminierend, dass Frauen ein Oberteil an der Badebekleidung haben müssen, während Männer mit freier Brust baden dürfen”, sagte die Aktivistin Sanna Ferm.
Spiegel Online

Das ist spannend. Der Punkt mit der Übersexualisierung ist nämlich eigentlich recht schlau, und führt mich zu einem Punkt, der auch für die männliche Emanzipation relevant ist. Er passt sogar gut auf die Aktionen in Schweden:

Die Aktionen endeten jedes Mal mit einem Rausschmiss durch die Bademeister: Die fürchteten, dass gerade die männlichen Gäste abgelenkt würden.

Soso, Männer werden also automatisch, aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Sexualität, von nackten Frauenkörpern abgelenkt, und das ist ihnen nicht zuzumuten… Nun will ich nicht ausschließen, dass auch ich da genauer hinschauen würde. Ich mag Brüste, vielleicht auch aufgrund der Übersexualisierung.

Hinter dem Rausschmiss steckt aber ein Gedanke, der das Männerbild in unserer Gesellschaft stark prägt: Männer hätten einen unbändigen, kaum zu kontrollierenden Sexualtrieb.

Dieser Gedanke färbt die Wahrnehmung von Männern (durch sie selbst und andere) deutlich ein: Viele meiner Freundinnen berichten von Enttäuschung und Verwunderung, wenn ihre männlichen Partner mal keine Lust auf Sex haben. Männer hätten doch immer Lust! Auch die große Tabuisierung von erektiler Dysfunktion (der Begriff Impotenz ist Teil der Verknüpfung von Sexualität und Selbstwert, darum benutze ich ihn nicht) passt dazu: Ein Mann muss immer können, wenn das nicht geht, ist er kein ganzer Mann. Und wenn ich eine Frau anspreche, ob sie mal mit mir Kaffee trinken geht, denkt sie möglicherweise, ich möchte nur ihren Körper. Wenn eine Frau sie das gleiche fragt, denkt sie eher, sie möchte Kaffee.

Der Übersexualisierung des weiblichen Körpers steht also eine Übersexualisierung des männlichen Geistes gegenüber. Nun werden viele von euch denken: “Nun ja, aber tatsächlich sind Männer doch mehr an Sex interessiert. Man schaue nur mal zur Pornobranche”. Hier verhält es sich ähnlich wie bei den weiblichen Körpern: Auch hier gibt es einen breiten Konsens, dass der sehr sexy ist, man schaue nur mal zur Pornobranche. Nichtsdestotrotz ist das nicht unbedingt Wahrheit, sondern nur soziale Übereinkunft, bzw. Norm. Und solche Normen schränken ein. Ähnlich, wie sich Frauen erkämpft haben, eben doch eine Sexualität zu haben, eben doch eine Weiblichkeit jenseits von Mütterlichkeit, genauso müssen meiner Meinung nach Männer dafür einstehen, neue Rollen zu kriegen.

Ich zumindest empfinde diese Übersexualisierung meines Geistes, und die daraus folgende Reduzierung meiner Person auf meinen Geschlechtstrieb als beleidigend. Ich werde nämlich nicht sofort willenlos, nur weil jemand ein schönes Exemplar von Haut, Fett und Bindegewebe herzeigt – und wer sich an dieser Formulierung stört, den verweise ich auf die Übersexualisierung des weiblichen Körpers.

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